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Geleitwort von Präses Manfred Kock
„Ihr
seid das Salz der Erde“, sagt Jesus in der Bergpredigt. Das Thema des ökumenischen
Kirchentages wendet es auf Christinnen und Christen in Ratingen an. Warum
sollten ausgerechnet sie das unentbehrliche Salz sein? Kritiker hätten es nicht
schwer, genau das Gegenteil zu beweisen und diesen Satz als einen Auswuchs elitären
Bewusstseins zu entlarven. Aber Jesus sagte diesen Satz keiner Elite. Die
meisten werden kaum die Möglichkeit gehabt haben, die Lebensverhältnisse in
ihrer engsten Umgebung, geschweige denn in ihrem Land, mitzugestalten, von dem
damaligen, bewohnten Erdkreis ganz zu schweigen. Die Fischer vom See Genezareth
waren ohne Macht.
„Ihr
seid das Salz der Erde“ ist Zuspruch Jesu auch für uns. Wir sagen uns das
nicht selbst. Menschen, die nichts Besonderes sein können oder wollen und denen
nichts bleibt, als nur der Liebe Gottes zu trauen, sind das Salz der Erde oder
das Salz dieser Stadt.
Das
sind Menschen, die ihr Leben mit allen seinen Grenzen bejahen, weil Gott sie so
annimmt, wie sie sind. Sie bleiben auch in der heutigen Gesellschaft etwas
Fremdes, etwas, das hinzukommt zum Ganzen, wie das Salz zur Speise, - und sie
sind Provokation in einer Gesellschaft, in der Stärke, persönliche
Durchsetzungskraft und materieller Wohlstand als so überwältigend wichtig
gelten. Dagegen wird daran erinnert, dass Menschen nicht Konsumenten und
Arbeitsmaschinen sind, sondern Gottes geliebte Söhne und Töchter.
Es ist dann nur folgerichtig, wenn Christinnen und Christen sich beispielsweise für die Sonntagsruhe in ihrer Stadt einsetzen, weil Menschen mit begrenzten Kräften den Rhythmus von Arbeit und Ruhe brauchen. Darum müssen wir selbst Beispiele dafür geben, wie die Sonntage in unseren Gemeinden zu gestalten sind.
Eine
weitere Herausforderung ist es, angesichts des biotechnologischen Fortschritts
die Geschöpflichkeit menschlichen Lebens hervorzuheben. Christen können Salz
sein darin, wie sie mit Fragen von Beginn und Ende des Lebens sowie mit Leiden
und Krankheit umgehen. Der Einsatz für diese Anliegen erfolgt in ökumenischer
Verbundenheit. Christliche Gemeinden machen die Erfahrung, dass sie an Stärke
und Überzeugungskraft gewinnen, wo sie sich nicht in Abgrenzungen verbrauchen,
sondern Ziele gemeinsam verfolgen.
Trotzdem
kann der Dienst der Kirchen oft nur zeichenhaft sein. Sie haben nicht die
Aufgabe, eine ganz neue Welt zu schaffen, sondern die Erinnerung an die Verheißung
von Gottes neuer Welt wachzuhalten. Salz der Erde ist – wie andere biblische
Bilder der Hoffnung, z. B. Samen, Hefe, Licht – nicht durch Größe, sondern
durch Wirksamkeit gekennzeichnet. Für die junge Christenheit damals waren es
großartige Hoffnungsbilder. Dort, wo Christsein nicht selbstverständlich ist,
gewinnen sie neu Bedeutung.
Manfred
Kock
ist Präses der ev. Kirche im Rheinland und Ratsvorsitzender der EKD